Der Charakter des Weißen Schäferundes

Meine Erfahrungen mit dem Charakter des Weißen Schäferhundes

An dieser Stelle möchte ich auf den Charakter des Weißen Schäferhundes eingehen. Es handelt sich bei den folgenden Erzählungen um meine eigenen Erfahrungen mit der Rasse und ich möchte darauf hinweisen, dass jeder Hund anders ist und somit auch andere Eigenschaften- und arten hat. Aber nichtsdestotrotz gibt es Wesenseigenschaften, die häufig bei Hunden dieser Rasse auftreten und die man als "typisch" bezeichnen kann.

Der Standard des Weißen Schweizer Schäferhundes besagt folgendes über den Charakter:

"Temperamentvoll, nicht nervös, aufmerksam und wachsam, gegenüber Fremden gelegentlich etwas zurückhaltend, niemals ängstlich oder aggressiv."

Vor der FCI-Anerkennung des Weißen Schäferhundes im Jahr 2003 hieß es etwas ausführlicher: "Temperamentvoll, ohne Nervosität, aufmerksam und wachsam; zu vertrauten Menschen freundlich, zutraulich und anhänglich; leicht zu führen und ausgeglichen; gegenüber Fremden reserviert, jedoch nicht ängstlich oder aggressiv; begegnet unbekannten Umwelteinflüssen zuerst zurückhaltend-vorsichtig, dann neugierig."

 

Ängstlichkeit?

So möchte ich gleich zum größten Vorurteil kommen, das einem immer wieder begegnet, wenn man den Leuten erzählt, man hätte einen Weißen Schäferhund zu Hause. Dann heißt es nämlich fast immer sofort: "Ein Weißer? Die sind doch alle so ängstlich!" Gegen dieses Vorurteil möchte ich mich wehren. Ich persönlich kenne sehr sehr wenige Weiße Schäferhunde, die tatsächlich ängstlich sind. Einige sind bei Fremden zurückhaltend, wie es der Standard ja auch besagt. Meist siegt bei ihnen jedoch schnell die Neugierde und sie kommen doch schnell auf einen zu, um einen ausgiebig zu beschnüffeln. Bei diesen Exemplaren ist es wichtig, dass man sie den ersten Schritt machen lässt und sie nicht bedrängt. Wir würden es ja auch nicht mögen, wenn uns wildfremde Personen einfach betätscheln oder bedrängen würden, oder? Ich persönlich finde eine Zurückhaltung bei fremden Menschen gar nicht schlimm, ganz im Gegenteil: Mein Hund muss sich nicht von jedem anfassen lassen, der ihn ja sooo niedlich findet. Eine gesunde Vorsicht sehe ich als durchaus positiv an.

Auch bei Umwelteinflüssen oder ihnen unbekannten Reizen reagieren einige Hunde mit Vorsicht. Sie beäugen die ihnen komisch vorkommenden Gegenstände zunächst skeptisch, oft werden diese auch "umrundet". Aber auch hier siegt dann doch die Neugierde. Aber diese Skepsis bzw. Vorsicht ist keine Ängstlichkeit!

Die meisten Weißen Schäferhunde, die mir bisher begegnet sind, haben diese Zurückhaltung gar nicht mehr. Sie wurde durch strenge Zuchtrichtlinien und Wesensüberprüfungen "herausgezüchtet". Mit ängstlichen und panischen Hunden, sowie Hunden, die anderweitig nicht dem Standard entsprechen, darf nicht gezüchtet werden.

Ängstlichkeit bzw. Panik sind beim Weißen Schäferhund unerwünschte Eigenschaften und entsprechen nicht dem Standard. Ronja war, als ich sie bekam, sehr ängstlich. So, wie es definitiv nicht erwünscht ist. Aber in ihrem Fall gehe ich davon aus, dass sie als Welpe eine schlechte Erfahrung gemacht hat (vermutlich mit einem Mann). Denn alle ihre Geschwister waren nicht ängstlich. Und mittlerweile, durch viel Training und Üben, ist Ronja auch nicht mehr ängstlich. Mittlerweile ist sie so, wie es der Standard beschreibt: "...gegenüber Fremden reserviert, jedoch nicht ängstlich oder aggressiv". Bei ihr bekannten Personen ist sie alles andere als reserviert. Diese werden stürmisch begrüßt, abgeleckt und nicht in Ruhe gelassen, sobald sie zur Tür hereinkommen.

 

Die Anhänglichkeit

Und damit komme ich zum nächsten, sehr ausgeprägten Wesensmerkmal des Weißen Schäferhundes: ihre Anhänglichkeit. Ich habe noch keinen Weißen Schäferhund erlebt, der nicht wie eine Klette an seinem Besitzer klebt und ihm am liebsten sogar auf die Toilette folgen würde (abgesehen von Zwingerhunden). Jeder Schritt, den man tut, wird vom Hund genauestens beäugt und verfolgt. Oft will man nur mal schnell in die Küche und sich was zu trinken holen: dann steht der weiße Schatten schon wieder hinter einem und guckt, was man da denn Interessantes macht. Und vergisst man einmal, wenn man auf der Toilette ist, die Tür zuzumachen, schiebt sich die schwarze Nase durch den Türspalt, die buchstäblich zu fragen scheint: "Frauchen, was machst Du denn da und warum bin ich nicht dabei?"

Genauso ist es, wenn man am Rechner sitzt, die Füße unter dem Schreibtisch und eigentlich (aufgrund der vielen Kabel) gar keinen Platz mehr hat. Schwups, drängt sich der weisse Hund unter den Schreibtisch, nur um zu Frauchens bzw. Herrchens Füßen zu liegen. Dabei ist es egal, wie viel Platz dort ist. Ein Weißer Schäferhund kann sich in die kleinste Lücke quetschen. Manchmal habe ich das Gefühl, sie können sich klein zusammenfalten.

Problematisch wird es, wenn man mit der Familie unterwegs ist und die einzelnen Familienmitglieder in kleinen Grüppchen laufen. Dann hat der arme Hund permanenten Stress. Er muss doch sein Rudel beisammen halten! So wird er, völlig aufgelöst, zwischen den verschiedenen Grüppchen hin und herlaufen und versuchen, sie zusammen zu treiben. Da kann er seine eigentliche Aufgabe, das Schafe hüten, nicht verleugnen. Auch wenn jemand sich von der Gruppe abzusondern versucht, wird der Hund so lange aufgeregt hin und herlaufen (manchmal auch lautstark seinen Unmut bekundend), bis derjenige wieder bei der Gruppe ist.

Personen, die der Weiße Schäferhund einmal ins Herz geschlossen hat, sind vor seiner Zuneigung nicht mehr sicher. Er fordert Streicheleinheiten, stupst die Person mit der Schnauze an, klatscht ihr die Pfote auf den Oberschenkel und wenn das alles nichts fruchtet, um die Aufmerkamkeit der geliebten Person auf sich zu lenken, versucht er schon einmal, der Person auf den Schoß zu krabbeln. "Guck mal, ich bin ein ganz lieber Schoßhund!"

Der beliebteste Aufenthaltsort eines Weißen Schäferhundes ist bei seinem Rudel, bzw. seinem Besitzer. Er ist so anhänglich, dass er todunglücklich ist, wenn er in einen Zwinger gesteckt wird oder nie dabei sein darf. Bitte überlegen Sie sich gründlich, ob diesem anhänglichen, sensiblen Hund gerecht werden können! Und schaffen Sie sich nie einen Weißen Schäferhund an, wenn Sie beabsichtigen, ihn in einen Zwinger zu sperren!

 

Weiße Schäferhunde und Fressen

Der zweitliebste Aufenthaltsort eines Weißen Schäferhundes ist die Küche. Ganz besonders dann, wenn Herrchen oder Frauchen was Leckeres für sich kochen. Auch dann liegt der weiße Schatten zu ihren Füßen und man muss sich vorsehen, dass man nicht auf ihn drauf tritt. In diesem Falle ist es zwar hauptsächlich seine Anhänglichkeit, die ihn dazu bewegt, an den Füßen seines Besitzers zu verharren, aber man kann nicht ganz verleugnen, dass er darauf spekuliert, etwas von dem leckeren Essen abzubekommen. Ronja liegt begeistert in der Küche und stürzt sich wie irre auf alles, was mir aus Versehen herunterfällt. Meist sind das zwar ungenießbare Sachen wie Kartoffelschalen, aber es könnte ja doch mal was Leckeres dabei sein.

 

Weiße Schäferhunde und ihr Rudel

Ein Weißer ist am glücklichsten, wenn er überall dabei sein darf und ohne Leine laufen kann. Mit einem Weißen Schäferhund kann man eine Menge Spaß haben. Sie sind für jeden Schabernack zu haben, egal ob Spielen mit den Kindern, Bootstouren, Ausflüge, Reisen etc. Hauptsache dabei sein heisst ihre Devise. Das ist mit einem gut sozialisiertem Hund, der schon als Welpe viel kennengelernt hat, kein Problem. Weisse Schäferhunde sind vom Charakter sehr friedfertig und verstehen sich mit Mensch und Tier. Wir nehmen Ronja überall mit hin und lassen sie auch meist ohne Leine laufen. Sie läuft nie weg und behält uns immer wachsam im Auge. Das ist das Schöne an der Anhänglichkeit der Weissen Schäferhunde: sie entfernen sich nie weit vom Rudel und schauen immer wieder zurück, wo man bleibt. Ronja wartet sogar geduldig, bis wir kommen und kriegt Panik, wenn sie uns mal nicht mehr sieht.

Wenn ich nur einmal zum Wäscheaufhängen auf dem Dachboden war und gerade einmal 5 Minuten weg war, tut Ronja so, als hätte sie mich stundenlang nicht gesehen und führt ein Freudentanz aus, als wäre ich Wochen weg gewesen. Generell kann man sagen, dass dem Weißen Schäferhund nichts entgeht. Er ist immer auf dem Sprung, sobald man den Raum verlässt, ist er hinter einem her, auch wenn er gerade noch so selig tief und fest geschlafen hat. Seine Ohren und Augen sind immer wachsam. Er ist ein extrem guter Beobachter und erfasst blitzschnell, wie man an jedem Tag drauf ist.

 

Weiße Schäferhunde und Kinder

Weiße Schäferhunde gelten als sehr familienfreundlich und außerordentlich kinderlieb. Sie haben generell eine hohe Reizschwelle, was sich auch besonders im Umgang mit Kindern bemerkbar macht. Da können die Kinder noch so grob sein und den Hund am Fell ziehen, die Hunde nehmen es meist gelassen. Deshalb sollte man gut aufpassen, dass die Kinder es mit dem Hund nicht zu sehr übertreiben, da sie sich eine Menge gefallen lassen. Der Weisse Schäferhund nimmt seine Aufgabe als "Beschützer" der Familie durchaus ernst. Er hat einen angeborenen Schutztrieb, der nicht gefördert werden braucht. Er ist sehr wachsam und passt sehr genau auf, was in seiner näheren Umgebung passiert. Es kann passieren, dass bei einigen Hunden der Schutztrieb sehr stark durchschlägt. Aber damit muss man rechnen, wenn man sich einen Hund holt, der ursprünglich zum Schutz von Herden gezüchtet wurde.

 

Die Erziehung

Aufgrund der großen Sensibilität der Weißen Schäferhunde ist etwas Fingerspitzengefühl in ihrer Erziehung gefragt. Mit Anschreien, Wutausbrüchen oder Gewalt in der Erziehung kommt man bei ihnen nicht weit. Eine konsequente, einfühlsame, sanfte Erziehungsmethode ist für sie bestens geeignet. Mit einer entsprechenden Bestätigung (z.B. Lob, Futter, Spiel) lernen sie wahnsinnig schnell. Man merkt richtig, wie der Hund aufblüht, wenn man ihn ausgiebig lobt und sich darüber freut, wenn er etwas richtig gemacht hat. Dann ist er mit Feuereifer bei der Sache und himmelt seinen Besitzer richtiggehend an. Er reagiert auf den leisesten Tonfall und das kleinste Sichtzeichen. Die Erziehung eines Weißen Schäferhundes ist die reinste Freude - wenn man einfühlsam ist und Ruhe und Geduld bewahrt. Wenn Sie das nicht können oder eine "strenge" Erziehung bevorzugen, ist der Weiße Schäferhund der falsche Hund für Sie. Er wird sich zurückziehen, unglücklich sein und gar nichts mehr machen.

Weiße Schäferhunde sind sehr intelligent und wollen gefordert werden. Dabei reicht es nicht aus, einige Stunden am Tag nur Spazieren zu gehen. Sie wollen denken und ihren Kopf anstrengen. Meine Ronja möchte am liebsten den ganzen Tag beschäftigt werden. Wir machen eine Menge zusammen und ich denke mir immer wieder neue Spiele und Denkaufgaben für sie aus. Ganz besonders gut sind Weisse Schäferhunde in der "Nasenarbeit". Sie haben eine ausgezeichnete Nase und spüren alles auf. Leider auch oft Fährten von Wild, denen sie dann begeistert folgen. Den Jagdtrieb sollte man von Anfang an unterbinden oder umlenken. Ganz hervorragend dafür eignet sich z.B. Apportieren. Aber auch in allen anderen Bereichen findet man heutzutage Weiße Schäferhunde. Sie sind vielseitig begabt und können deshalb auch für fast alles eingesetzt werden. So finden viele Weisse ihre Lebensaufgabe als Rettungshunde, Fährtenhunde, Therapiehunde und Blindenhunde. Wenn ein Weißer Schäferhund eine Aufgabe hat, in der er aufgeht, ist er voll bei der Sache. Man sieht es ihm an, mit welcher Freude er dabei ist. Ronja z.B. geht voll darin auf, wenn ich ihr eine Fährte lege und sie ihr folgen darf. Man muss sich einmal einen Weißen Schäferhund ansehen, der mit Feuereifer bei einer Sache dabei ist. Es ist dem Hund förmlich anzusehen, wie glücklich er ist. Wenn Ronja sich anfängt zu langweilen (so 1 Stunde nach dem Spaziergang könnte man ja mal wieder was machen), fängt sie an, um mich herumzuschleichen, zu fiepsen, mich anzustupsen und wenn das alles nichts bringt (man versucht ja, den Hund in solchen Momenten zu ignorieren), lautstark herumzunörgeln. Das ist eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen. Und nicht nur ihre: ich kenne viele Weiße Schäferhunde, die so ihren Unmut kundtun, daher sehe ich es schon fast als "rassetypisch" an. Sie nörgeln, wenn sie Hunger haben, wenn ihren langweilig ist, wenn das Anziehen vor dem Gassigehen nicht schnell genug geht oder einfach nur, wenn sie Beachtung haben wollen. Viele fallen auf diese Taktik der Weissen herein und schon haben sie erreicht, was sie wollten. Sie stehen nur allzu gerne im Mittelpunkt. Oft man den Eindruck, dass sie zu Arroganz neigen. Ich habe das Gefühl, wenn Ronja zum zehnten Mal an einem Tag gehört hat, wie süß, schön, kuschelig etc. sie ist, umso größer wird sie;-) Der Weiße Schäferhund ist sehr gelehrig und versteht sehr schnell, was man von ihm will. Kunststückchen und andere Dinge lernt er in Windeseile. Er ist mit voller Begeisterung dabei, denn er lernt gerne und will auch was tun. Er neigt zum "Perfektionismus", auch eine Eigenschaft, die die Erziehung so einfach macht.

 

Fazit

Ich könnte noch viel mehr schreiben, aber ich fürchte, dass es dann keiner mehr liest:-) Aber ich denke, ich konnte einen guten Überblick über die typischsten Eigenschaften dieser Rasse geben. Jeder, der es liest, wird merken, mit welcher Begeisterung ich über diese tolle Rasse schreibe. Für mich ist es einfach DIE Rasse schlechthin und ich möchte immer wieder einen solchen Hund haben!

 

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