Frauchen über Ronja

Im Winter 2002, kurz nachdem ich von Berlin nach Braunschweig gezogen war, entdeckte ich, dass das Tierheim der Stadt ganz in der Nähe meiner neuen Wohnung liegt. Ein paar Tage später ging ich dorthin, mit der Absicht, einen Tierheimhund spazieren zu führen. Ab diesem Tag war ich von nun an fast täglich im Tierheim anzutreffen. Ich half mit beim Zwingerreinigen, Füttern der Hunde und dem Saubermachen des Kleintierhauses.

Von Kindesbeinen an hatte ich mir immer schon einen Hund gewünscht, meine Eltern haben mir aber leider diesen Wunsch nie erfüllt, weil mein Vater nichts davon hielt, einen Hund in der Wohnung und in einer großen Stadt wie Berlin zu halten. Für meine Zukunft war aber immer schon ein Hund fest mit eingeplant.

Meine gesamte Freizeit verbrachte ich im Tierheim und somit wurde der Wunsch nach einem eigenen Hund immer größer. Im Sommer 2003 lernte ich dort einen anderen "Gassigeher" kennen, der eine Weiße Schäferhündin hatte: "Knuddel". Bis dahin hatte ich noch nie einen Hund dieser Rasse gesehen. Ich war total fasziniert von ihrem absolut lieben, sanftmütigen Wesen und dem weichen, weißen Fell, den dunkelbraunen, treuen Augen und den spitzen Ohren, die sie neugierig aufstellte und denen nichts entging. Sie war sehr auf ihr Herrchen fixiert, leichtführig, intelligent, aber auch sehr sensibel und feinfühlig, was mir sehr sympathisch war. Genau so einen Hund mit solch einem tollen Charakter hatte ich mir immer gewünscht!

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Knuddel, die Hündin, die mich auf den Weißen Schäferhund brachte

 

Von da an begann ich alles, was ich über die Rasse finden konnte, zu verschlingen. Ich kaufte die Bücher, die über Weiße Schäferhunde zu diesem Zeitpunkt existierten. Je mehr ich über sie und ihr Wesen herausfand, desto mehr mehr wuchs der Wunsch nach einem Hund dieser Rasse. Ich durchforstete Zeitungen und das Internet nach Anzeigen. Eigentlich wollte ich keinen Welpen haben, sondern einem "Secondhand"-Hund eine Chance geben. Das erwies sich aber als durchaus schwierig. Es gab offensichtlich keine Hunde, die zu diesem Zeitpunkt abgegeben werden sollten und schon gar keine Hündin, die ich ja unbedingt haben wollte. Ich gab sogar selber mehrere Anzeigen in verschiedenen Zeitungen auf, jedoch ohne Erfolg.

Also entschieden wir uns doch für einen Welpen. Im "Haustieranzeiger" fand ich eine Anzeige, die ganz schlicht lautete: "Weiße Schäferhundwelpen, geimpft und entwurmt, abzugeben." Ich rief dort an und das, was die Frau mir am Telefon erzählte über ihren Familie und die Welpen erzählte, hörte sich durchaus gut an. Ich hatte Glück, denn eine Hündin hatten sie noch übrig - die Welpen waren zu diesem Zeitpunkt schon 11 Wochen alt.
Etwas merkwürdig war jedoch, dass sie mir erzählte, die Eltern der Welpen wären nicht dort, da sie nur den Wurf aufziehen und verkaufen würden. Vater und Mutter wären bei einem befreundeten Ehepaar im Nachbarort, die sich aber gerade nicht um die Welpen kümmern könnten, da die Frau selber gerade schwanger und im Krankenhaus sei. Außerdem erzählte sie mir, dass die Mutterhündin aus ihrer eigenen Zucht stammen würde, da sie früher selber Weiße Schäferhunde gezüchtet hätten, jetzt aber auf Deutsche Schäferhunde umgestiegen wären (die würden sich besser verkaufen lassen). Der Wurf sei sowieso nur ein Zufall gewesen, weil die Besitzer nicht auf ihre Hündin aufgepasst hätten, als diese läufig war. Und da sie noch einen Rüden hätten, sei es eben passiert. Die Welpen sollten aber angeblich bis zur 7. Woche bei ihrer Mutter gewesen sein. Damals war ich leider naiv und gutgläubig und glaubte die Geschichten, die sie mir auftischten.

Ich fragte die Frau am Telefon auch noch, ob die Welpen Papiere hätten. Daraufhin sagte sie mir, dass momentan sowieso keine Welpen mit Papieren zu bekommen wären, da die Rasse "Weißer Schäferhund" erst seit kurzem vorläufig von der FCI anerkannt wurde und momentan noch Zuchtsperre herrschen würde (Anmerkung: Seit dem 1. November 2004 besitzen der BVWS sowie der RWS die offizielle Genehmigung vom VDH, Weiße Schäferhunde zu züchten). Weiterhin hieß es, dass Papiere nicht wichtig wären, wenn man nicht ausstellen möchte. Sie versicherte mir, dass beide Eltern Papiere hätten und HD-frei seien. Ich verabredete mit der Frau, dass ich am nächsten Tag (28.07.2003) vorbeikommen würde, um mir die Welpen anzuschauen.

Als ich dort ankam, kamen auf einer Art umzäunten Pferdekoppel gleich drei kleine weiße Wollknäule angerannt (von 7 Welpen, 5 Rüden und 2 Hündinnen, waren nur noch Ronja und zwei Brüder übrig). Im Haus waren noch Deutsche Schäferhund-Welpen, die 6 Wochen jünger waren als Ronja und ihre Brüder (diese waren schon 12 Wochen alt). Wir tranken zusammen Kaffee und die weißen Eisbären wurden herausgelassen. Ronjas Brüder hingen mir gleich am Hosenbein und waren sehr zutraulich. Ronja blieb abseits. Auf meine Frage warum, sagten die Züchter mir, sie würde momentan von ihren Brüdern gemobbt werden. Ich blieb fast den ganzen Tag bei ihnen und ich fand es wirklich schön. Die Züchter fragten mir Löcher in den Bauch, wie ich es auch erwartet hatte. Das macht für mich nämlich unter anderem einen guten Züchter aus: ob er Interesse daran hat, wem er seine Welpen verkauft und dass er nicht jedem einen Welpen anvertraut, nur um Geld zu verdienen (Anmerkung: im Nachhinein war ich mit Ronjas "Züchtern" alles andere als zufrieden, da sie überhaupt nicht geprägt wurde, nichts kannte, krank war und ungeheure Angst vor Menschen hatte, was sicherlich nicht von ungefähr kam...).

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Ronjas Brüder und ein Deutscher Schäferhundwelpe, im Gebüsch sieht man etwas versteckt Ronja liegen

 

Wir verabredeten, dass ich am kommenden Wochenende kommen würde, um Ronja abzuholen. Am 03.08.2003 war es dann endlich soweit! Ich durfte die kleine Maus abholen. Als ich aber mit Ronja auf dem Weg nach Hause war, merkte ich gleich, wie ängstlich sie war. Jedoch dachte ich zu diesem Zeitpunkt noch, dass es die Angst vor dem Autofahren wäre, weil sie das ja noch nicht kannte. Bei einer Pinkelpause wollte sie aber gar nicht aus dem Auto aussteigen. Sie zitterte und wimmerte. Auch Zuhause angekommen wollte sie keinen Schritt weit gehen. Die nächsten Tage und Wochen waren die Hölle! Ronja hatte einfach vor allem Angst. Und nicht nur das: sie war auch von Anfang an krank und hatte blutigen Durchfall, Fieber und eine Bindehautentzündung. Sie wollte gar nicht aus dem Haus heraus und versteckte sich unter dem Tisch, wenn sie merkte, dass ich mit ihr Gassi gehen wollte. Lediglich nachts, wenn es dunkel war und keine Menschen, Autos und Fahrräder unterwegs waren, traute sie sich ein paar Schritte. Zudem hatte sie die ersten Monate permanenten Durchfall und ständig irgendwelche Infekte.

Als wir in der ersten Woche auf dem Weg zur Welpenspielstunde waren, standen wir an der Bushaltestelle. Ronja hatte eine ungeheuere Angst: sie zitterte, jaulte laut und übergab sich vier Mal. Die Leute schauten mich an, als ob ich den Hund schlagen oder quälen würde. Dabei standen wir doch nur da und warteten auf den Bus. Die Welpenspielstunden haben Ronja sehr viel gebracht. Der Kontakt mit anderen Welpen, die nicht ängstlich waren und die vielen Spiele, um die Bindung zwischen Hund und Besitzer zu festigen, haben ihr viel Selbstbewusstsein beigebracht. Die Welpenspielstunden waren sowieso toll, da die Trainer viel mit unbekannten Geräuschen, verschiedenen Untergründen, knisternden Folien etc. arbeiteten. Was Ronja auch sehr geholfen hat, war der tägliche Kontakt mit erwachsenen, selbstbewussten Hunden, von denen sie sich eine Menge abschauen konnte. Bis heute hat sie täglichen Kontakt mit anderen Hunden, besonders mit ihrem Kumpel Rocky, mit dem sie jeden Tag mindestens 3 Stunden toben kann. Wir gehen auch zwei Mal die Woche auf den Hundeplatz, wo wir Agility und Obedience machen. Ronja fordert viel und liebt es zu arbeiten! Sie ist sehr intelligent und lernt wahnsinnig schnell neue Tricks und Übungen. Heutzutage hat sie keinerlei Probleme mehr mit irgendwelchen Geräuschen oder anderen Dingen, die ihr als Welpen noch eine Heidenangst eingejagt haben. Das einzige, was ihr immer noch unheimlich ist, sind fremde Menschen, insbesondere Männer. Da kann es schon mal vorkommen, dass sie aus Unsicherheit knurrt oder bellt. Sie ist aber trotzdem neugierig und findet mittlerweile ziemlich schnell Vertrauen (außerdem ist sie bestechlich). Ich habe allerdings auch nie Rücksicht auf ihre Angst genommen und habe sie überall mit hin geschleppt. Wir haben sehr viel gearbeitet, was sich bezahlt gemacht hat und dafür habe ich jetzt den besten Hund der Welt:-)

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Ronja und ich

 

Ronja ist eine sehr selbstbewusste Hündin geworden. Sie ist in mancher Hinsicht sogar sicherer als andere Hunde, die wir kennen. Vielleicht liegt das daran, daß ich so intensiv mit ihr daran gearbeitet habe, als sie klein war. Sie ist anhänglich, sehr intelligent, leicht zu führen, unheimlich lernbegierig und sehr sanft im Umgang mit anderen Tieren und Kindern. In der Wohnung ist sie ruhig und draußen ein Powerhund, der nicht genug rennen und toben kann. Sie liebt Ausflüge, z.B. in den Harz oder ans Meer. Sie ist absolut wasser- und schneebegeistert. Sogar im Winter muss sie ihr tägliches Bad im See oder in der Oker nehmen. Im Sommer am Meer scheut sie auch keine hohen Wellen. Sie liebt außerdem ihr vertraute Menschen (die werden permanent abgeschlabbert:-)) und Bälle jeglicher Art. Bälle sind jedoch weniger interessant, wenn sie geworfen werden, sondern eher, wenn sie stolz herumgetragen werden und auf ihnen herumgekaut wird.

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Balljunkie

 

Ronja ist ein typisches Mädchen: sehr wehleidig, manchmal etwas zickig und sie liebt es, zu übertreiben. Nach einer Operation ist sie auf dem Tierarzttisch beim Fädenziehen fast gestorben. Wir mussten sie zu Viert (!) festhalten, weil sie sich so zierte, zappelte und quietschte. Schon fast hysterisch war sie. Sie ist ja auch so bemitleidenswert! Wenn sie krank ist, auch wenn es nur eine Kleinigkeit ist, dann stirbt sie fast vor Qualen. Sie setzt dann einen so jämmerlichen und erbärmlichen Blick auf, dass eigentlich jeder schwach wird, der sie so sieht. So kommt sie ganz leicht zu ihrem Ziel: im Mittelpunkt stehen, Streicheleinheiten kriegen oder Leckerlis abstauben. Sie hatte ganz schnell raus, wie man Leute um den Finger wickelt und für ihre Zwecke manipuliert. Wenn sie mal unartig war, weil sie z.B. schon wieder irgendwelchen Mist auf der Straße gefressen hat und ich sie am Halsband von der interessanten Stelle wegziehen will, fängt sie an zu schreien, als würde ich sie abmurksen wollen. Dagegen kann sie sich beim Spielen oder Toben zigmal stoßen, so dass es einem schon beim Zuschauen wehtut. Aber da interessiert es sie nicht die Bohne. Erst kürzlich war ich mit ihr beim Tierarzt, weil sie ein fast fußballgroßes Hämatom an der Seite hatte. Dieses hat sie aber überhaupt nicht gekratzt und sie hat keine Miene verzogen, als sie es sich beim Toben mit einem ihrer Kumpels zuzog. Sie ist eine Meisterin der Übertreibung und hat es auch perfekt drauf, laustark zu verkünden, wie ungerecht sie sich behandelt fühlt. Meine Freundin Anja und ich sind uns dann immer einig, dass Ronjas Lebensmotto heisst: "Weil ich ein Mädchen bin..."

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Standbild von Ronja

 

Ronja ist ein Hund, dem es riesige Freude bereitet, sich dreckig zu machen. Ein Spaziergang, der nicht darin endet, daß der Hund am liebsten in die Waschmaschine gesteckt und dann auf dem Dachboden zum Trocknen aufgehängt werden würde, ist kein richtiger Spaziergang. Dreckig muss man sein, denn man soll ja sehen, daß Ronja ihren Spaß hatte und Frauchen soll sich gefälligst nicht so haben. Macht doch nichts, wenn sie fünf Mal am Tag Putzen muss! Komischerweise ist nach spätestens 2 Stunden der Hund wieder sauber und weiß und der Dreck liegt überall in der Wohnung verteilt und wartet nur darauf, aufgefegt zu werden.

Im Umgang mit fremden Hunden ist Ronja vorsichtig, denn sie hat schon als Welpe schlechte Erfahrungen mit Hunden gemacht: sie wurde vier Mal gebissen, obwohl sie andere Hunde nie bedrängt hat und sich immer sofort unterwarf. Daher geht sie heute entweder mit einer riesigen Bürste auf fremde Hunde zu (man muß sich ja irgendwie größer und gefährlicher aussehend machen) oder aber, wenn sie merkt, dass ihr Gegenüber ängstlich oder unsicher ist, mobbt sie ihn schon mal ganz gerne, so nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung. Wenn fremde Artgenossen aber ausgiebig beschnüffelt und als ungefährlich eingestuft wurden, kann das Spielen losgehen. Am liebsten spielt Ronja wildes Hin- und Herjagen. Oft ist sie beim Spielen auch etwas lauter und es hört sich echt gefährlich an, aber das ist ihr typisches "Spielknurren".

Da Ronja so intelligent und lernbegierig ist, ist es ein Kinderspiel ihr etwas beizubringen. Neue Tricks lernt sie meist schon nach 5-6 Mal ausprobieren. Vermehrt setzten wir dazu auch den Clicker ein. Sie hat ein großes Repertoire an Kunststückchen und oft sagen die Leute, wir könnten im Zirkus auftreten. Was ihr auch riesigen Spaß bereitet, sind Suchspiele. Egal, ob ich Wurststückchen oder Spielsachen verstecke: sie findet alles. Das hat den Vorteil, daß sie mir auch auf den Spaziergang verlorene Gegenstände hinterherträgt. Wie oft hätte ich nicht gemerkt, daß ich meine Handschuhe verloren habe! Und Ronja trägt sie mir jedesmal stolz hinterher.

Ronjas absolute Lieblingsbeschäftigung ist das Fressen. Ich kenne keinen Hund, der verfressener ist als Ronja. Natürlich macht diese Fress-Sucht es einfach, ihr neue Dinge beizubringen oder sie beim Spaziergang von den tollsten Enten oder schnelllsten Kaninchen abzulenken. Gegen Leckerlis ist (fast) alles andere uninteressant! Ein besonderer Feinschmecker ist sie dabei nicht. Es ist ihr völlig egal, was man ihr gibt. Hauptsache fressbar! Wenn man ihr allerdings eine besondere Freude machen möchte, gibt man ihr rohe Leber. Die inhaliert sie förmlich. Kaubewegungen finden nicht statt, wenn Leber im Napf ist.

All diese Eigenarten, gute wie auch schlechte Dinge, machen sie für mich zu meinem absoluten Traumhund! Ich würde sie für kein Geld der Welt wieder hergeben. Für mich steht fest, dass ich immer wieder einen Weißen Schäferhund haben werde, denn für mich gibt es keine tollere und bessere als diese Rasse!

ronja
Ronja & Kumpel Ramses

 

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